2.9.2005

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Vom Schießstand zum Knödel
Von Gerrit Stolte

Heute beginnt das Laternenfest! Zum Abschluss unserer großen Serie zum Doppeljubiläum – vor 70 Jahren wurde das erste Laternenfest gefeiert, und insgesamt findet es zum 60. Mal statt – unterhielten wir uns mit einem Budenbetreiber, der seit 52 Jahren zum Laternenfest kommt.

Bad Homburg. Sie verleihen einem Stadtfest das besondere Flair, machen den Reiz aus, sorgen für den gewissen Unterschied: Die Rede ist von den Schaustellern. Schießbuden, Karusselle, Fahrbetriebe und die kulinarische Versorgung der Gäste müssen einfach stimmen. Auch beim Laternenfest. Alljährlich stellen vom Festplatz am Heuchelbach über die Ritter-von-Marx-Brücke, die Louisenstraße bis zum Rathausplatz weit über einhundert dieser Nomaden der Volksfeste ihre Buden, Bahnen und Stände auf.
Seit genau 52 Jahren ist auch Willy Stier dabei. Jeweils am Donnerstag vor dem Fest beginnt der 75-Jährige mit dem Aufbau seiner Bude. Der Frankfurter hat in den mehr als fünf Jahrzehnten den Schaustellerberuf in all seinen Variationen kennen gelernt: Schießbude, Kettenkarussell, Go-Cart-Bahn und noch mal einen Schießstand hat er in der Vergangenheit betreut. «In meinem Alter kann man sich nicht mehr um eine Schießbude kümmern», sagt er. «Das ist einfach ein zu raues Geschäft.»

1991 hat er deshalb mit dem Verkauf von Germknödeln, Dampfnudeln und Kaffee begonnen. Seit einigen Jahren steht er für vier Tage mit seinem Stand auf der Ritter-von-Marx-Brücke, nachdem er zuvor sogar auf dem Bahnhofsvorplatz angesiedelt war. «Die Brücke ist ein guter Standort für die Gastronomen.» Gemeinsam mit seiner Frau Renate (71) und einer Aushilfe wird er in den nächsten Tagen Schwerstarbeit verrichten müssen. Doch er wird es gerne machen: «Die Bad Homburger sind ein gutes Publikum, das Laternenfest ist einzigartig romantisch», sagt er. Arbeit hatte in den letzten Tagen auch der Betriebshof: Verteilerkästen mussten aufgebaut, Wasseranschlüsse gelegt werden. Schließlich muss ab heute alles funktionieren. Viele Schausteller kommen regelmäßig und haben sich deswegen ein «Platzrecht» erworben – wenn sie ihre alljährliche Bewerbung abgeben, können sie davon ausgehen, wieder den Platz aus den Vorjahren beziehen zu können. Die Gebühren für die Stände variieren je nach Standort und Größe zwischen 700 und 1400 Euro für alle vier Festtage. «In der unteren Louisenstraße gibt es aber schon mal einen Rabatt», betont Kirsten Ohlrogge, die Vorsitzende des Laternenfestvereins.

Wenn die Schausteller Probleme haben, kann es auch schon mal einen Nachlass geben. «Vergangenes Jahr war bei einem Fahrbetrieb auf dem Festplatz ein kleines Teil defekt, der konnte deswegen überhaupt nichts machen», erinnert sich Ohlrogge. «Da sind wir mit der Abrechnung natürlich flexibel.» Allzu viel Spielraum gibt es dabei jedoch nicht: «Mit den Gebühren können wir das Fest nicht finanzieren», sagt Ohlrogge. Auch eine Erhöhung der Standzahlen kommt nicht in Frage: «Die Sicherheitsvorgaben der Feuerwehr schränkt die Vergabe weiterer Plätze ein», so Ohlrogge. Dieses Jahr kommen knapp 200 Schausteller.

Ein Umstand, der Willy Stier nicht ungelegen kommt. Denn: «Der Wettbewerb ist härter geworden, die Leute geben nicht mehr so viel Geld aus», erklärt er. Für dieses Jahr befürchtet er einen weiteren Rückgang der Einnahmen und wäre mit einem durchschnittlichen Ergebnis schon zufrieden. Dennoch wird er seine Knödel auch weiterhin auf dem Laternenfest verkaufen. Für wie lange, weiß er nicht: «Wir Schausteller sterben ja in den Schuhen bei der Arbeit.» Wenn seine Familie ein Maßstab ist, wird er also noch ein paar Jahre dabei sein. Denn auf dem Festplatz am Heuchelbach wird auch im Jubiläumsjahr 2005 seine Schwester Tilly Till (79) mit ihrem Schießstand präsent sein.