23.8.2005

  Zurück

Taunuz-Zeitung vom 23.08.2005
Die „Laternenkönigin der Herzen“ von 1937
Noch zehn Tage bis zum Laternenfest! Die TZ nimmt das Doppeljubiläum – vor 70 Jahren wurde das erste Laternenfest gefeiert und insgesamt findet es zum 60. Mal statt – zum Anlass, um in einer Serie hinter die Kulissen zu schauen und auch die Geschichte von Homburgs größtem Heimatfest zu beleuchten.

Bad Homburg. «Ich war wahnsinnig aufgeregt», erzählt Hildegard Evers und blickt auf das Schwarz-Weiß-Foto in ihrer Hand. Drei Mädchen sind darauf zu sehen. Sie tragen lange, weiße Gewänder. Kronen schmücken ihre Köpfe. Hinter ihnen die Erdkugel, rundum eine Eskorte von stattlichen Herren, die Laternen tragen.
«Das war 1937», erzählt Hildegard Evers. Der Männergesangverein, in dem ihr Vater Mitglied war, beteiligte sich damals mit einem ganz besonderen Wagen am Laternenfest-Umzug. Rund um die Erdkugel nahmen drei junge Homburgerinnen Platz und verliehen als «Engel» dem Wagen echten Glanz. «Schon als man uns die langen, weißen Gewänder überzog, waren wir ganz nervös», weiß die inzwischen 83-jährige Hildegard Evers noch heute. «Damals gab es keine Laternenkönigin», erinnert sich die Homburgerin weiter. Doch kaum hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt, kürten die Menschen links und rechts der Parade spontan die drei Mädchen auf dem Wagen des Männergesangvereins zu ihren «Laternenköniginnen der Herzen». «Das sind die Laternenköniginnen», sei immer wieder zu hören gewesen. Spontaner Applaus, Rufe, Winken – die Zuschauer hatten offenbar ihre rechte Freude an den drei Himmelsboten, die sie kurzerhand in den Adelsstand erhoben hatten.

Dass die Homburgerin nach ihrem Auftritt als «Laternenkönigin» so manches weitere Fest nicht besuchte, lag keineswegs an fehlendem hoheitlichen Interesse. Eher war Amor «schuld», der die junge Frau der Liebe wegen gleich mehrmals aus der Kurstadt entführte. So kam sie nach einigen Jahren am Niederrhein 1943 nach Berlin. Eigentlich schon auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch, war es das Temperament der jungen Frau, das sich nun schicksalhaft einmischte: «In der Bahn sah ich eine Stellenanzeige der Filmgesellschaft UFA.» Das interessierte die quirlige Frau. So stieg sie kurzerhand aus ihrem Zug und in den nächsten nach Potsdam ein – wenige Tage später war sie Scriptgirl und verantwortlich für die Aktualisierung der Drehbücher am Set. Die Liste der Schauspieler, mit denen sie in der Folgezeit zusammenarbeitete, kann sich sehen lassen. So lernte sie etwa Marika Rökk und Winnie Markus kennen. Mit Frauenschwarm Willy Birgel traf sie sich täglich schon in der Bahn auf dem Weg ins Studio. Einzig Heinz Rühmann sei nicht sonderlich umgänglich und dem Team gegenüber eher mürrisch gewesen, erinnert sie sich. Als zu Ehren von Ilse Werner jüngst der Film «Große Freiheit Nummer 7» gesendet wurde, erkannte die Homburgerin das Studio wieder. «Da war ich dabei. Es gibt eine Szene im Boot. Die wurde aber im Trickstudio gedreht. Und die Wellen machte damals noch ein Mann mit einem Wassereimer», lacht sie.

Drei Ehen ging die heute 83-Jährige ein, schenkte sechs Töchtern – darunter Drillingen – das Leben. Seit Anfang der siebziger Jahre lebt sie wieder in der Kurstadt. Wehmut empfindet sie nicht, wenn sie über den Charakter des heutigen Laternenfestes spricht: «Damals war das ein reines Heimatfest, und das drehst du auch nie wieder zurück. Es sind heute andere Zeiten», zeigt sie durchaus Verständnis dafür, dass sich das Traditionswochenende verändert hat. Bis auf eine Einschränkung: «Die Häuser müssten wieder mehr geschmückt werden», sagt sie energisch und schwärmt von prachtvoll herausgeputzten Fassaden und Vorgärten in ihrer Zeit als «Laternenkönigin». (ru)